

Über 400 Gäste im Kolpinghaus
Strahlendes Herbstwetter hatte am 3. Oktober über 400 Gäste nicht davon abgehalten, gemeinsam mit dem CDU-Kreisverband den Tag der Deutschen Einheit und die friedliche Vereinigung Deutschlands vor 17 Jahren zu feiern. Mit Eberhard Diepgen, der von 1984 bis 1989 und von 1991 bis 2001 als Regierender Bürgermeister von Berlin an der politischen Spitze der heutigen Bundeshauptstadt gestanden war, konnte wieder ein hochrangiger Festredner für die Feierstunde gewonnen werden. Das Trio Felix, Bundespreisträger von „Jugend musiziert“, gab in der Besetzung mit Luisa Babarro-Fernandez (Violoncello), Rosa Neßling (Viola) und Vincent Herrmann (Klavier) der Veranstaltung einen feierlichen musikalischen Rahmen.
Kreisvorsitzender Dr. Christoph Palmer freute sich über die gute Resonanz. Aufgrund der hohen Zahl der Anmeldungen war es notwendig geworden, vom bisherigen Veranstaltungsort, dem Haus der Architekten, ins Kolpinghaus umzuziehen. Christoph Palmer sah in der Wahl des Kolpinghauses über die technische Frage hinaus den tieferen Sinn, dass gerade hier im Jahre 1945 die Stuttgarter CDU gegründet worden war. Christoph Palmer begrüßte Eberhard Diepgen als Festredner und verwies auf seine Verdienste um Berlin in den beiden Perioden seiner Tätigkeit als Regierender Bürgermeister vor und nach der Vereinigung. Den Koalitionswechsel der Berliner SPD unter Wowereit hin zur PDS bezeichnete er als „Skandal, dass in Berlin die Kommunisten regieren“. Wer wie Lafontaine Fidel Castro als Vorbild bezeichne und die Systemfrage stelle, dürfe als Kommunist bezeichnet werden. Christoph Palmer verwies auf die gerade erschienene Publikation von Heinz Schwollius in der Schriftenreihe des Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatsicherheitsdienstes der ehemaligen DDR. Darin wird ein Leidensweg über 8 Jahre Zwangsarbeit und Zuchthaus in der Zeit des Stalinismus geschildert. An diesem Beispiel verwies Palmer auf die Erfahrung der deutschen Geschichte mit zwei Diktaturen und betonte die Bedeutung einer Abgrenzung der CDU sowohl nach Links- wie Rechtsaußen.
„Die Union ist für das Geschenk der deutschen Einheit dankbar“, sagte Christoph Palmer wörtlich und verwies auf zwischenzeitlich erreichte Fortschritte. Helmut Kohl sei oft wegen einer bestimmten Äußerung belächelt worden. Wer aber heute durch die neuen Bundesländer reise, müsse doch feststellen, dass die „blühenden Landschaften“ inzwischen Wirklichkeit sind.
Erster Bürgermeister Michael Föll überbrachte die Grüße der Landeshauptstadt und dankte Eberhard Diepgen für seine Unterstützung in früheren Wahlkämpfen. Mit Blick auf Wowereits Spruch, wonach Berlin „arm, aber sexy“ sei, entgegnete er, Stuttgart sei lieber „reich und sexy“. Es sei schon bemerkenswert, dass die einzige Veranstaltung zum 3. Oktober in Stuttgart die Veranstaltung der CDU sei. Stuttgart 21, so Föll, sei auch eine Antwort auf die Veränderungen in Europa durch den Fall der Mauer.
Eberhard Diepgen lobte ausdrücklich die 16jährige Tradition der Stuttgarter CDU, den Tag der Deutschen Einheit in feierlicher Form zu begehen. Nationale Feiertage hätten in Deutschland keinen einfachen Stand: Der 17. Juni sei früher als „nationaler Badetag“ begangen worden, und auch der 3. Oktober werde unterschiedlich angenommen. Ohne das überbewerten zu wollen, stimme das Ergebnis eines aktuellen Politbarometers schon nachdenklich, wonach etwa 20% der Befragten in Ost wie West gerne die Mauer wieder aufbauen würden. Das Problem im Umgang mit der deutschen Einheit zeige sich auch darin, dass die Unterschiede zwischen den Gewinnern und den Verlieren der deutschen Einheit größer geworden seien. 1,4 Millionen Menschen, vor allem Junge und Qualifizierte, hätten inzwischen den Osten verlassen. Bei Älteren, insbesondere den Verlierern der Einheit, bestehe eine Tendenz zur DDR-Nostalgie. Diepgen verwies auf die erreichten Erfolge beim Aufbau Ost und zeigte sich zuversichtlich, dass Berlin seine gegenwärtige wirtschaftliche Misere künftig überwinden wird. „Berlin hat die Kreativität einer unfertigen Stadt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann diese einzige deutsche Metropole die Schwächen überwinden wird; die Kapazitäten dafür sind vorhanden“, so Diepgen. Denn: „Diese Stadt ist stark, sie wird jede Regierung überleben!“
In seinem historischen Rückblick stellte Diepgen die Frage, wer in den 1980er Jahren überhaupt die deutsche Einheit wollte. Die europäischen Mächte wollten sie nicht, ebenso wenig wie sie 1871 ein starkes Deutsches Reich gewollt hatten. Auch in Deutschland selbst sah er die Tendenz, mit Begriffen wie „Verfassungspatriotismus“ oder „Europa der Regionen“ vom Nationalstaat abzurücken. Er berichtete von einem Seminar des innerdeutschen Ministeriums in der Zeit vom 8. bis 10. November 1989, also während des Mauerfalls am 9. November. Bei diesem Seminar habe der Hauptreferent die These aufgestellt, Deutschland müsse sich von seiner Lebenslüge trennen und die Forderung nach der Wiedervereinigung aus dem Grundgesetz streichen. Die Deutschen hätten gegen bestehende Widerstände die Einigung geschafft, und zwar nicht die Intellektuellen, sondern die einfachen Menschen.
Mit Blick auf die Erfolge der Einheit stellte Diepgen fest, die Deutschen seien heute einheitlicher als etwa die Belgier, Italiener oder Spanier. Dem Problem der Abwanderung junger Qualifizierter solle durch konsequente Politik gegengesteuert werden. Diepgen plädierte für einen „aufgeklärten Patriotismus“ sowie eine Anerkennung der „Leitkultur“ und wandte sich gegen sprachliche Tabuisierung bei der politischen Diskussion im Sinne einer „Wortpolizei“. Er stellte fest, dass Vergangenheitsbewältigung ihren zeitlichen Abstand benötige. Beim Nationalsozialismus dauerte es bis in die Zeit um 1968, und die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit setze somit heute ein. Zum Patriotismus gehört für Eberhard Diepgen auch das Bekenntnis zur deutschen Sprache und das Zeigen von Symbolen. Die Fußball-WM habe hier Fortschritte gebracht. Auch die Feier des Tags der Deutschen Einheit gehöre dazu. „Wir sind mit dem Aufbau vorangekommen, nun darf man auch Selbstbewusstsein zeigen“, so Eberhard Diepgen abschließend.